Unser (Über)Leben hängt vom Boden ab

Von

Martin Grossenbacher, Redaktor

Der Boden unter unseren Füssen bildet die Basis für Leben, unsere Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität. Das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung dieser zentralen Ressource ist jedoch noch sehr gering. Deshalb widmen wir das erste Halbjahr 2022 dem Boden als Schwerpunktthema.

Wann haben Sie letztmals mit den Händen in der Erde gegraben und die Krumen durch Ihre Finger rieseln lassen? Wie hat die Erde gerochen? War sie trocken oder feucht? Spürten und sahen sie organisches Material darin? Wie oft betrachten wir Erde als etwas Selbstverständliches und immer Verfügbares, sehen lediglich ihre Oberfläche und sind uns kaum bewusst über das reiche Leben unter unseren Füssen. Wir bei Biovision schauen deshalb mit Ihnen genauer hin respektive darunter: «Boden» ist in den nächsten sechs Monaten das Schwerpunktthema in unseren Publikationen. Mit faszinierenden Geschichten sowie aktuellen und überraschenden Erkenntnissen aus der Praxis und der Wissenschaft möchten wir Wissen über den Lebensraum unter unseren Füssen vermitteln und dafür sensibilisieren, ihm mehr Sorge zu tragen und besser zu schützen. 

Boden: die Basis für Leben

Als Boden wird die belebte oberste Schicht der Erdkruste bezeichnet. Sie ist wenige Zentimeter bis mehrere Meter dick und besteht aus Mineralien, Humus, Wasser, Luft und Organismen. Ihre Bildung dauert sehr lange. Ein Millimeter Boden braucht etwa 150 Jahre zum Entstehen; für eine 30 cm tiefe Schicht dauert es bis zu 10’000 Jahre. Ein gesunder Boden hat eine gut ausgeprägte Struktur. Seine Partikel sind so angeordnet, dass ausreichend grosse Zwischenräume, sogenannte Poren, vorhanden sind. Diese speichern Wasser und lassen Luft zirkulieren. Die Poren machen je nach Art – zum Beispiel Sand, Torf oder Lehm – bis zu vier Fünftel des Volumens eines Bodens aus. Die Zwischenräume bilden den Lebensraum für Milliarden kleinster Lebewesen. Würde man die Oberflächen der einzelnen Poren einer Handvoll Lehmboden aneinanderreihen, ergäbe das ein Feld von über einem Quadratkilometer Grösse – das ist über 20’000 mal mehr als die Fläche, die ein Mensch in der Schweiz im Durchschnitt zum Wohnen zur Verfügung hat. 

Der Lebensraum Boden birgt noch viele Geheimnisse. Nur ein Bruchteil der unzähligen Arten, die in ihm leben, ist bisher erforscht. (Bild: www.boell.de/de/bodenatlas, Grafik: Bartz/Stockmar, CC-BY-SA 3.0)

Als komplexes Ökosystem ist der Erdboden Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. Pflanzenwurzeln und Pilzfäden bilden darin ein riesiges unterirdisches Geflecht. Damit können sie sich gegenseitig mit Nährstoffen und Wasser versorgen und untereinander kommunizieren. Im Boden wirken unzählige Lebewesen wie Regenwürmer, Laufkäfer, Springschwänze, Wanzen, Pilze, Bakterien oder Algen und leisten einen Beitrag an das Ökosystem. Sie spielen ihre spezielle Rolle fürs Ganze, beispielsweise für die Bodenfruchtbarkeit, indem sie abgestorbene Pflanzen und Tiere zersetzen.  

Unsere Böden gehen verloren

So wichtig fruchtbarer Boden für unser Überleben ist, so lückenhaft ist oft unser Wissen darüber und so gering unser Bewusstsein dafür, wie gefährdet diese Ressource eigentlich ist: Tag für Tag gehen weltweit fruchtbare Böden verloren;, 75% der Landflächen der Erde sind bereits degradiert, das heisst sie sind teilweise oder bereits vollständig unfruchtbar. Zu diesem Ergebnis kam 2015 der «Welt-Biodiversitätsrat» IPBES in einer ersten globalen wissenschaftlichen Erhebung über den Zustand der Böden auf der Erde («Assessment Report on Land Degradation and Restoration», 2015). Diese degradierten Flächen, die entweder zu Wüsten geworden sind, verschmutzt oder entwaldet und zur intensiven landwirtschaftlichen Nutzung umgewandelt wurden, sind auch die Hauptursachen für das Aussterben von Arten. Geht der Trend ungebremst weiter, könnten in weniger als 30 Jahren 95 Prozent der Landflächen der Erde degradiert sein. 

Und in der Schweiz? In seiner Bodenstrategie von 2020 stellt der Bundesrat nüchtern fest: «Der kontinuierliche Verlust an wertvollem Kulturland (Landwirtschaftsfläche inkl. Alp- und Forstwirtschaft), die Erfahrungen im Vollzug der bodenrelevanten Umweltgesetzgebung sowie wissenschaftliche Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Ressource Boden in der Schweiz nicht nachhaltig genutzt wird.» Tatsächlich gingen in den Jahren 1983 bis 2009 jede Sekunde 1,1 m2 Kulturland verloren. Dies entspricht in etwa 85’000 ha – der Fläche des Kantons Jura. Und in den folgenden zehn Jahren verschwanden davon noch einmal ca. 29’800 ha, also etwa die Fläche des Kantons Schaffhausen.

Die Gründe für den Verlust von kultiviertem wie unkultiviertem Boden sind hauptsächlich menschengemacht.

Es ist höchste Zeit zu handeln

Zwar ist der Mensch nicht auf direkten Konsum des Bodens angewiesen, aber mehr als 95% der Nahrungsmittel wachsen darauf. Der sorgfältige und verantwortungsvolle Umgang mit dieser natürlichen Ressource ist daher für Biovision zentral. Wir fördern in unseren Projekten die Erhaltung und die Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit sowie die Verbreitung von Wissen und die Anwendung der Agrarökologie. Seit 2018 fördert Biovision mit «Sounding Soil» ausserdem das öffentliche Bewusstsein über die Bedeutung gesunder, fruchtbarer Böden.  

Es braucht aber dringend noch mehr Aufklärungsarbeit rund um das Thema Bodenschutz und die Entscheidungsträger:innen in Politik und Industrie müssen endlich handeln und konkrete Massnahmen umsetzen. Die Uhr tickt und es ist höchste Zeit, der kostbaren Ressource Boden mehr Aufmerksamkeit und Schutz zu schenken. 

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